Leseproben

 

Aus: Gesang ohne Landschaft

 

Auszug aus dem 1. Kapitel: Bulería (Beginn des Romans)

Sie erzählt von Enrique und Manolo, während wir die Gänge der Klinik hinabschreiten, ohne uns um die Schreie zu kümmern, die von der geschlossenen Abteilung herüberdringen. Sie erzählt von den Insassen, die sich die Zwangsjacken von den Leibern rissen, als sie den nächtlichen Juergas Enriques und Manolos lauschten, von den anderen Patienten, die vor Ergriffenheit die Gitterstäbe an den Fenstern verbogen haben sollen und geflohen seien, halbnackt oder in den Schlafanzügen, die Nacht auf den Feldern An­dalusiens verbracht hätten, wo sie am nächsten Morgen von den Bauern aufgegriffen und darauf in einem Lastwagen in die Anstalt zurückgekarrt worden seien, Bettlaken und Zipfeltaschentücher ge­schwenkt hätten, um den Leuten in den Dörfern zuzuwinken auf ihrer Fahrt nach Hause: ein Triumphzug durch Olivenhaine.

        Mehrere Male sei das geschehen, bis die Anstaltsleitung erkannt habe, daß der Cante Enriques und der Toque Manolos den Duende heraufbeschwörten, den Flamencogeist, der sich in die Seelen der Zuhörer schleicht, über ihre Handlungen bestimmt. Der Versuch, Manolo die Gitarre wegzunehmen, sei gescheitert. Er habe den Aufstand geprobt, und Enriques Stimmbänder seien nicht mehr zu bändigen gewesen. Man habe das Zimmer der beiden mit Eierkartons isoliert und den Patienten in den umlie­genden Schlafsälen Wachs in die Ohren gepfropft, als wolle man sie vor den Sirenen bewahren.

        Sie kann sich das Lachen nicht verkneifen. Es sprudelt ihr zur Kehle heraus, während ich mich über die klassische Bildung spanischer Psychiater wundere; Homer haben sie gelesen. Ihr Lachquell versiegt, nur die Lippen sind noch gewölbt, Lippen aus Himmel verbergen die Zähne aus Schaum: Carmen Ayena Vázquez, Enriques Enkelin. (Sie trägt ein ärmelloses Rockkleid.)

Wir erreichen den Fluchtpunkt, das Ende des Ganges. Sonnenstrahlen brennen sich ins Glas eines Pano­ramafensters. Ein zweiter Korridor schließt sich rechtwinklig an; der Sekundenzeiger einer Wanduhr tickt, untermalt die Stille, bis Carmen sie bricht:

        – Die dritte Tür links, sagt sie, deutet in den Flur.

        Ich nicke, lasse ihr den Vortritt. Ihre Sandalen haben flache Absätze, tönen dumpf auf dem Linoleum. Ich folge ihr; meine Schuhe gleiten lautlos über den Boden. Carmen bleibt vor der Tür stehen, klopft. Wir warten, auf daß die Chromklinke von innen niedergedrückt würde oder wir die Aufforderung vernähmen einzutreten. Nichts dergleichen geschieht. Carmen klopft ein zweites Mal; wieder regt sich nichts. Sie stößt die Tür auf, tritt ein; niemand da, wie erwartet.

        – Frag mich bloß nicht, wo die hin sind, sagt sie und hebt die Schultern: Normalerweise lägen sie den ganzen Tag auf der faulen Haut.

        Ich stehe unter dem Türrahmen, überblicke das Zimmer. Die Eierkartons kleben an den Wänden und an der Decke, einige sind bunt bemalt.

        – Sie werden sicher bald zurück sein, antworte ich.

        Zwei Metallbetten an der Fensterseite, gegenüber ein Waschbecken und ein gesprungener Spiegel, der sich mit meinem Gesicht füllt; auf der einen Matratze Manolos Gitarre. Ich trete an das Bett heran, nehme das Instrument in die Hände. Ich zupfe an den Saiten (sie scheinen etwas verstimmt); der Metalldraht schneidet in die Fingerkuppen. Ich stelle mein rechtes Bein auf die Bettkante, schiebe die Gitarre unter den Arm, greife einige Akkorde. Carmen schaut mich überrascht an.

        – Ich habe früher mal gespielt, erkläre ich.

        Carmen blickt zum Fenster hinaus. Ich drehe mich nach ihr um: Jetzt füllt sie die Spiegelfläche mit einem Gesicht; der Sprung ritzt sich in ihren bleichen Hals. Das Bettgestell ächzt, als ich den Fuß von ihm nehme, ächzt noch mehr, als ich mich daraufsetze, schlecht geölt, die Federung.

        – Wir könnten am Empfang nachfragen, wo sie hingegangen sind, schlägt Carmen vor.

        – Laß nur, wir haben Zeit.

        Draußen auf dem Korridor schlurft ein alter Mann im Morgenmantel heran, hält inne, als er die offene Tür bemerkt, schaut ins Zimmer hinein:

        – Enrique? Bitte, Enrique, heute nicht… bitte! stöhnt er, nähert sich mir unterwürfig.

        Er kniet sich vor mich hin; verdutzt fordere ich ihn auf, sich zu erheben, weise ihn auf seinen Irrtum hin: Ich heiße nicht Enrique. Er scheint mein akzentbelastetes Spanisch nicht zu verstehen, übergeht meine Richtigstellung, wendet sich Carmen zu, stockt:

        – ...und du bist die Fee! ruft er und strahlt.

        Der Gürtel seines Morgenmantels lockert sich, rutscht hinunter; der Mantel öffnet sich. Der Alte ist nackt darunter, behaart wie ein Mammut; Carmen stößt einen Schrei aus. Ergeht auf sie zu, sein Penis ist halb erigiert, fällt ihr um den Hals, preßt einen feuchten Kuß auf ihre Lippen, zieht Geiferfäden, reibt seinen Körper an ihr. Ich springe auf, versuche, ihn wegzuzerren; er klammert sich an ihrem Hals fest. (...)

 

 

Lampen aus Kristall und grüne Spiegel. In ihnen sah er sich, zumindest bruchstückhaft, die Stirn, die Augen, den Nasenansatz. Er stand am Tresen, mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, um das Kinn auf ihm aufzustützen. Stieg er auf die Messingstange, welche sich unten am Tresen entlangzog, konnte er seine Ze­hen schonen und dennoch das Kinn oben einhaken, das Rückgrat leicht gekrümmt.

        Hinter dem Tresen die Weine, die Liköre, Gebranntes auf einem Regal, zu hoch für ihn; Flaschenhälse und Flaschenleiber bildeten sich verkehrt herum auf den Grünspiegeln ab, auf der Spiegelwand in seinem Rücken, auch auf jener vor ihm, die Etiketten diesmal leserlich.

        Düster der Raum, kalter Tabakrauch hing in der Luft, zugezogene Fensterläden, nur wenig Licht drang durch ihre Querverstrebungen herein; gebündelt beschien es wie ein zu schwacher Scheinwerfer die Bretter­bühne in der Mitte des Lokals, Holzplanken, vom Zapateado der Flamencotänzer und den Cello­stacheln der Streichquartette gepeinigt. Vorne beim Eingang war es heller; die beiden großen Glas­schei­ben links und rechts der Tür sogen das Morgenlicht in sich auf. Buchstaben klebten an ihnen, zu einem Halbkreis gewölbt, von innen kaum zu entziffern: „Café La Lagartija“. Neben der Bühne das ver­staubte Klavier: De Falla hatte darauf gespielt, Segura, auch Lorca, spätnachts oft, wenn alle Gäste schon gegangen waren, Sona­ten und Zarzuelaparodien.

        Enrique strich mit der Hand über die Tastatur, von oben nach unten, ein stürzendes Glissando, eine Kaskade aus Tönen, dröhnender Baß; feiner Staub blieb an seinen Fingern haften. Er pustete ihn fort (ein Staubkornwirbel um ihn herum). Ein Geräusch schreckte Enrique auf: José Vázquez schob den Vorhang beiseite, welcher das Lokal von einem winzigen Raum abtrennte, von wo eine Wendeltreppe in die Woh­nung hinaufführte, erblickte Enrique:

        – Du bist schon wach?

        Enrique nickte, schlüpfte an ihm vorbei. (...)

 

 

 

Auszug aus dem 2. Kapitel: Saeta y Alegría

 

(...) Die Wanduhr der García Lorcas schlug drei, ein blecherner Klang, als Lorcas Schwester Isabel und Laura, die Tochter de los Ríos’, vor die Stuhlreihen traten und das Invitatorio sangen. De Falla setzte sich an den Flügel, schraubte am Stuhl herum, erhöhte ihn, spreizte die Finger in die Tasten, nachdem Violine und Klarinette den Kammerton abgenommen hatten. Der Blümchenvorhang der Marionettenbühne schob sich zur Seite, gab die Bühnenbilder frei: bunte Wasserfarbe auf gelbem Papier. Vor ihnen tanzten die Holz­puppen, denen Lorca allen seine Stimme verlieh, seine zwei Hände vervielfachte, um die Marionet­tenkörper zu beseelen, ihnen Leben einzuhauchen, an ihren Fäden zog, versteckt hinter der Staf­fage, un­bemerkt von den Kinderaugen, im Wechsel von gebannter Stille und Gekicher.

        Enrique schielte nach rechts. Da saß sie, berührte mit den Zehenspitzen den Mosaikkachelboden, die Locken zu einem Zopf geflochten, eine türkisfarbene Schlaufe an seinem Ende. (Vorne goß ein Holz­mädchen Basilienkraut.) Undeutlich das Bild, das er so erspähte, vor allem ihr Profil, die geschwun­gene Nase, deren Flügel fast unmerklich vibrierten, die Wimpern wie getuscht. (Vorne fragte ein Holz­prinz viel.) Adelas Lippen wanderten nach hinten, wenn sie lächelte, erlaubten es einer Zahnschaufel, sich kurz zu entblößen, bevor sie wieder nach vorn zurückglitten und sich die Lippenstränge entspannten, den Zahn­schmelz bedeckten.

        De Falla unterbrach sich, stopfte die Tageszeitung zwischen die Saiten des Flügels, entlockte ihm cem­baloartiges Summen.

        Enrique schmerzten die Augäpfel. Das ständige Äugen nach seiner Rechten strengte den Sehnerv an, ermüdete ihn. Adelas Hände ruhten in ihrem Schoß, in den Spitzröckchenfalten, die Handflächen nach oben, die Finger gekrümmt, der Daumen etwas abgespreizt, weiße Halbmonde an den Nagel­wur­zeln. (Vorne sangen Isabel und Laura ein Weihnachtslied.) Dann schielte auch Adela nach links, spürte Enri­ques Blick auf sich. Noch einmal rasteten ihre Augen nach der Mitte ein, bevor sie sich wieder nach Enri­que wandten, verbunden mit einer Halsbewegung. Ein Lächeln ließ Enrique erröten, ein Lächeln, wie es sonst nur Alfonso, Adelas Hund, vorbehalten war, nach dem Enrique und Fernando mit Steinen warfen, wenn er entwischte, vor dem Café Zuflucht suchte.

        Das Einsetzen des Kinderhändeklatschens erlöste Enrique, denn Adela ließ sich davon anstecken. Die Musiker erhoben sich, verbeugten sich, fingen ihrerseits zu applaudieren an, als Lorca hinter der Theater­wand hervorsprang, de Falla beide Hände schüttelte, den Arm um Isabel legte. Über seiner Schulter hing eine Marionette. Enrique folgte Adela zum Ausgang, wo Ana Ochoa mit dem Mantel ihrer Tochter bereit­stand (...)

 

 

 

Auszug aus dem 6. Kapitel: Petenera

 

Das „Café La Lagartija“ blieb geschlossen am nächsten Tag. Javier war durch den Hintereingang hereingekommen; Enrique hatte ihn eingelassen. Zu dritt standen sie am Tresen, Enrique, Javier und José Vázquez, der ihnen Sherry in die Gläser goß, schon nachmittags. Die Übergriffe auf das Quartier der Falange an der Cuesta del Progreso und auf das Theater Isabel la Católica waren Enrique zu Ohren ge­kommen; er hatte sogar die Feuerwehrsirenen gehört. Daß aber auch in der Druckerei der rechts­kon­servativen Lokal­zeitung, in der Schokoladenfabrik und im Tennisclub Feuer gelegt worden war, hatte er nicht gewußt. Die Schilderungen Javiers erschreckten ihn. Die Situation war außer Kontrolle geraten, von Streik keine Rede mehr. Er drehte das Glas in den Händen, um dessen Boden sich auf der Theke ein Flüssigkeitsring gebildet hatte, unfähig, klar zu denken. José Vázquez verstand die Brand­stiftungen in den Cafés „Colón“ und „Royal“ nicht, fürchtete ernsthaft, die aufgebrachten Arbeiter würden mit ihren Brandfackeln genauso vor dem „Café La Lagartija“ aufkreuzen, Grünspiegel zersplittern und Kristal­lampen zerstören; mit einem Taschentuch tupfte er sich den Schweiß von der Stirn. (...) Enrique schüttelte den Kopf, lustlos, sich auf Diskussionen einzulassen (...) Er schloß die Augen, und in seiner Vorstellung fügten sich Bilder zusammen:

        Er sah Frauen mit Flammenhaar, die sich an den Händen faßten. Sie bildeten Menschenketten, hin­derten die Feuerwehr daran, gegen die Feuer, und die Polizei, gegen ihre Männer vorzugehen, welche Brand­herde legten, ihre Fackeln an den Häuptern ihrer Frauen entzündeten, die Funken sprühten. Vestalinnen, die die Feuer hüteten, welche in den Tempeln wüteten, sie in Schutt und Asche legten, an hei­ligen Insignien zehrten, an Tennisrackets und Schokoladetafeln, an Druckerpressen und Kronleuchtern aus Kaffeehäusern, schließlich Oblaten rösteten, den Meß- zu Glühwein erhitzten, als die Kirchen im Albay­zín in Flammen aufgingen. (...) Die Frauen, die Flammenzungen nährten auf ihren Köpfen, dachten nicht daran, daß ihnen das Feuer das Haar versengte. Sie würden Unrecht erleiden, in wenigen Monaten schon, so pro­phezeiten es die Zigeunerinnen von Sacromonte; die Vogelschauer befanden, der Flug der tauben über der Stadt sei zu tief.

        Enrique fuhr sich über den Nasenrücken, trank den Sherry aus. In diesem Moment stieg Adela die Wen­deltreppe herab, schob den Vorhang beiseite. Grün spiegelte sich ihre Gestalt an den Wänden.

        – Enrique, könntest du mich bitte zur Schule fahren? fragte sie. Ich habe die Bücher dort gelassen. Ohne sie kann ich den Unterricht nicht vorbereiten. (...)

 

 

© Rotpunktverlag 1998.

 

  

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